Unter dem Motto „Gegen das Vergessen“ fanden am 9. November 2023 in zahlreichen Ortschaften des Kirchenbezirks Gedenkveranstaltungen anlässlich des 85. Jahrestages der Schändung und Zerstörung jüdischer Gotteshäuser statt – in Heidelberg, Neckarbischofsheim und Sinsheim unter Beteiligung der örtlichen Gemeinden.
Neckarbischofsheim
Die zentrale Gedenkstunde in Neckarbischofsheim begann um 16:45 Uhr an der ehemaligen Synagoge. Aufgrund des einsetzenden Regens wurde sie in der Neckarbischofsheimer Zehntscheune fortgesetzt. Bürgermeister Thomas Seidelmann sprach ein Grußwort für die Stadt Neckarbischofsheim, Walter Zeller vom Verein für Heimatpflege e. V. referierte über Joel Darmstadter und die Kindertransporte nach England, während Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen, katholischen und neuapostolischen Kirche gemeinsam ein Gebet sprachen. Stimmungsvoll musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde mit jiddischen Volksweisen mit Gitarrenbegleitung.
Sinsheim
Unter ihren Schirmen zusammengekauert standen die zahlreichen Teilnehmenden der Gedenkfeier am Sinsheimer Synagogenplatz, die der evangelische Posaunenchor um 17:00 Uhr eröffnete. „Noch immer stecken Splitter in den Herzen der Überlebenden, ihrer Kinder und Kindeskinder. In diesen Tagen schauen wir auf Israel“ erinnerte Pfarrer Hendrik Fränkle von der evangelischen Kirche in seiner Begrüßung an die Schrecken der Pogromnacht 1938 und schlug den Bogen zum aktuellen Geschehen.
Nach einem gemeinsamen Lied rezitierte Evangelist Peter Ruf, Vorsteher der neuapostolischen Kirchengemeinde Sinsheim zusammen mit der anwesenden Gemeinde Psalm 139 „HERR, du erforschest mich und kennest mich…“
Einen geschichtlichen Überblick skizzierten Schülerinnen und Schüler der Kraichgau-Realschule und des Wilhelmi-Gymnasiums, der mit einem lauten, aufrüttelnden, mehrfachen Ruf „Nie wieder!“ endete.
Peter Hesch, Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Stadt Sinsheim, fand tiefgehende Worte, bevor Pfarrerin Raphaela Swadosch von der evangelisch-methodistischen Kirche an die Barmer Theologische Erklärung von 1934 erinnerte und Liebe und Vergebung anmahnte. Nach den Fürbitten, gesprochen von Vertreterinnen und Vertreter der vier ACK-Mitgliedskirchen und den Segensworten von Dekan Thomas Hafner von der katholischen Kirche beschloss das gemeinsame Lied „Verleih uns Frieden, gnädiglich“ (Martin Luther 1483 – 1546) die Veranstaltung. „Das hat jetzt wohlgetan!“ brachte spontan ein Zuhörer danach zum Ausdruck.
Heidelberg
Nach dem Gedenken auf dem Alten Synagogenplatz in der Heidelberger Altstadt strömten die Teilnehmenden gegen 19:00 ins Haus der Begegnung in der Merianstraße, wo bereits melancholische Tastenklänge den Raum erfüllten. Natalia Wolf von der jüdischen Kultusgemeinde umrahmte den Abend musikalisch, zu dem die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Heidelberg (ACK) und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Heidelberg e. V. (GCJZ) eingeladen hatte.
Es sei der dunkelste 9. November seit langem, gab Pfarrer Mirko Diepgen von der evangelischen Kirche in seinen Begrüßungsworten zu bedenken und bat, innezuhalten und Gott um Schutz und Trost zu bitten.
„…die meinen haben es getan“ endeten die Verse des Gebetes von Klaus Hämmerle, ehemaliger Bischof von Aachen, gelesen von Mechthild Schlager von der katholischen Kirche. Exemplarisch für jüdische Schicksale stellte Volker von Offenberg den renommierten Architekten Siegfried Seidemann (1879 – 1956) vor, der repräsentative, stadtbildprägende, wohldurchdachte Anwesen in ganz Heidelberg geschaffen hatte, ihm als Jude aber 1933 die Berufsausübung verboten worden war, er nach Gurs verschleppt wurde und 1956 krank und gezeichnet in New York starb.
Das Gedicht „Brief an mein Kind“, das Ilse Weber 1942 geschrieben hatte, nachdem sie ihren Sohn im Alter von acht Jahren 1939 zur Freundin nach England schickte, las Dietrich Dancker von der evangelischen Kirche. Nach Momenten der Stille las Stefan Osterwald, Gemeindereferent der katholischen Kirche Psalm 55 und Natalia Wolf bündelte die Empfindungen im „Largo e mesto“ von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827).
Abraham-Pokal
Zum ersten Mal stiftete die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Heidelberg e. V. einen Abraham-Pokal, den Hirte i. R. Helmut Haas von der neuapostolischen Kirche in seiner Doppelfunktion als Delegierter der ACK Heidelberg und Mitglied der GCJZ überreichte. Der Pokal, der eher eine Aufgabe darstelle, sei Anerkennung der Selbstverpflichtung der Schule, sich im laufenden Schuljahr mit den Themen Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz zu befassen sowie den Dialog zwischen den Religionen, die Abraham/Ibrahim als ihren gemeinsamen Stammvater betrachten, zu fördern. Eine Schülerin und ein Schuler vom Heidelberger Bunsen-Gymnasium nahmen den Pokal in Empfang und formulierten in ihrer Dankesrede gleich ihre Ideen zur Umsetzung, während Volker Nürk, Schulleiter am Bunsen-Gymnasium und Prof. Dr. Michael Schmitt, Vorstand der GCJZ die Selbstverpflichtungserklärung unterzeichneten.
In hebräischer Sprache betete Rabbiner Janusz Pawelzyk-Kissin von der jüdischen Kultusgemeinde Psalm 20 und schloss mit einer Bitte des dreimal täglich zu betenden Achtzehnbittengebetes „Verleihe Frieden, Glück und Segen, Gunst und Gnade und Erbarmen“. Stefan Osterwald bedankte sich für das gemeinsame Gedenken, das mit besinnlicher Klaviermusik ausklang.