Zahlreiche Pogromgedenkveranstaltungen fanden am Sonntag, 9. November 2025 statt – in Sinsheim und Heidelberg unter Mitwirkung der örtlichen Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK)
Sinsheim
Unter der Schirmherrschaft der Stadt Sinsheim hatten sich bei nasskaltem, regnerischem Wetter gegen 17:00 Uhr rund 100 Sinsheimerinnen und Sinsheimer auf dem Synagogenplatz eingefunden. Tatsächlich konnten die Schirme zugeklappt werden, während der evangelische Posaunenchor die Gedenkstunde eröffnete und Oberbürgermeister Marco Siesing die Anwesenden mit nachdenklichen Worten begrüßte: „Antisemitismus beginnt mit Worten“.
Neben dem Novemberpogrom 1938 erinnerten Schülerinnen und Schüler der Kraichgau-Realschule auch an den 22. Oktober 1940, als 6.500 Jüdinnen und Juden ins Camp de Gurs am Fuße der Pyrenäen deportiert und Baden und die Pfalz damit als judenfrei erklärt wurden. „Hevenu Schalom“ sangen alle Anwesenden auf tiefem Herzen, bevor Dagmar Stilz von der neuapostolischen Kirchengemeinde Psalm 1 las.
Einer der 1940 Deportierten, Alfred Cahn (1922 – 2016) aus Speyer, komponierte 1941 im Lager Gurs für seinen Kinderchor „Wir sind ganz junge Bäumchen“. Einfühlsam trugen zwei Schülerinnen des Wilhelmi-Gymnasiums das Lied vor, das beschreibt, wie junge Bäumchen von einem bösen Förster entrissen wurden und nun auf der weltweiten Suche nach einem lieben Gärtner sind. In einer Interaktion wünschten sich die Schülerinnen und Schüler von den Anwesenden Offenheit, Toleranz, Empathie und Vorbild.
Der von allen gesungenen Bitte „Gib uns Frieden jeden Tag“ (EG 425) folgten Dankesworte des Oberbürgermeisters für das Engagement der Schülerinnen und Schüler. Ein jüdischer Segensspruch, vorgetragen von Evangelist i. R. Reiner Wiesler, Dekanin Christiane Glöckner-Lang und Pfarrer Thomas Hafner, der Segen der Dekanin und ein Vortrag des Posaunenchors beschlossen die Gedenkveranstaltung, bevor langsam wieder die Regenschirme aufgespannt werden mussten.
Heidelberg
Nach der Gedenkveranstaltung auf dem Alten Synagogenplatz unter der Federführung der Stadt Heidelberg hatten die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Abstimmung mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V. (GCJZ) in den Eugen-Biser-Saal im Haus der Begegnung eingeladen.
Die Fuge G-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), vorgetragen von Matin Ilkhani von der jüdischen Kultusgemeinde, eröffnete die Gedenkstunde. Hirte i. R. Helmut Haas von der neuapostolischen Kirche und Stefan Osterwald, Gemeindereferent der katholischen Stadtkirche begrüßten die Anwesenden im voll besetzten Eugen-Biser-Saal.
Vergessen und Schweigen führe in Gefangenschaft, mahnte Mechthild Schlager von der katholischen Stadtkirche und beleuchtete die seelischen Verwüstungen – selbst in zweiter, dritter oder vierter Generation. Die Klagen über das verwüstete Heiligtum in Psalm 74 – unterbrochen von zeitaktuellen Kommentaren, vorgetragen von Hirte i. R. Helmut Haas, Stefan Osterwald und Dietrich Dancker, eingerahmt von zwei gemeinsam gesungenen Versen von „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (Martin Luther 1483 – 1546) beschrieben anschaulich Hass, Missgunst und Zerstörung der damaligen Zeit.
Zusammen mit Schülerinnen des St. Raphael-Gymnasiums stellte Dr. Norbert Giovannini, der seit Jahrzehnten zu jüdischem Leben in Heidelberg forscht, zwei jüdische, in Heidelberg bestens integrierte Familien vor, die aus dem nichts angefeindet und deren Geschäftsgrundlage zerstört wurde. Väter jüdischer Familien, die ursprünglich aus Osteuropa eingewandert waren, wurden in einer Nacht- und Nebelaktion am 28./29. Oktober 1938 nach Polen deportiert. Viele von ihnen sind verschollen, für tot erklärt oder im Konzentrationslager umgekommen. Wenigen gelang die Flucht über Rumänien nach Palästina. Die Kinder waren von ihren Eltern getrennt und nach Großbritannien abtransportiert worden.
Die beiden gemeinsam gesungenen Lieder „Freunde, dass der Mandelzweig“ (EG 613) und „Wo Menschen sich vergessen“ (Laubach/Lehmann 1989) ließen Hoffnung auf ein „Nie wieder!“ aufkeimen und eine Gesellschaft mit Toleranz und Vergebungsbereitschaft.
Mit einem Gebet für den Frieden in hebräischer Sprache auf der Grundlage des Alten Testaments beschloss Rabbiner Janusz Pawelzyk-Kissin die Gedenkstunde und die Klänge der Nocturne c-moll von Frédéric Chopin (1810 – 1849) begleiteten in die dunkle, verregnete Novembernacht.