Anlässlich des 86. Jahrestages der Schändung und Zerstörung jüdischer Gotteshäuser und Einrichtungen fanden auch in diesem Jahr am 9. November 2024 zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt - in Heidelberg, Neidenstein und Sinsheim unter Beteiligung der örtlichen Kirchengemeinden.
Sinsheim
Um 17:00 Uhr eröffnete der evangelische Posaunenchor die Gedenkfeier am Sinsheimer Synagogenplatz, wo sich rund 100 nachdenkliche Sinsheimerinnen und Sinsheimer in der Abenddämmerung eingefunden hatten. Dekanin Christiane Glöckner-Lang, Vorsitzende der ACK Sinsheim begrüßte und forderte zum Gebet von Psalm 74 auf. Nach „Hevenu Schalom“ reflektierten Schülerinnen und Schüler der Kraichgau-Realschule und des Wilhelmi-Gymnasiums, warum das Gedenken an ein Ereignis, an das sich kaum noch ein Lebender erinnern kann, so wichtig ist und berichteten exemplarisch aus dem Leben von Max Kohn, einem angesehenen Sinsheimer Textilunternehmer, der 1940 nach Gurs deportiert wurde.
Oberbürgermeister Marco Siesing sprach die aktuellen politischen Umbrüche und Verwerfungen an, stellte dabei fest, dass Angst kein guter Ratgeber sei und ermunterte zum Mut, aufzustehen, nicht mitzumachen und etwas dagegen zu tun.
Dekanin Glöckner-Lang las aus Micha 4, betrachtete die Situation des Friedens, wenn endlich Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln werden und forderte dazu auf, dafür im Gebet einzutreten.
Die Fürbitten lasen Dekanin Glöckner-Lang, Pastorin Dr. Raphaela Swadosch von der evangelisch-methodistischen Kirche, Dekan Thomas Hafner von der katholischen Kirche und Priester Pascal Annawald von der neuapostolischen Kirche. Nach dem Segen von Dekan Hafner war es allen Anwesenden ein Bedürfnis, beim abschließenden „Verleih uns Frieden“ (Martin Luther 1483 – 1546) miteinzustimmen.
Neidenstein
Mit einem jiddischen Lied startete die Gedenkveranstaltung am Neidensteiner Altortplatz um 18:45 Uhr. Bürgermeister Frank Gobernatz dankte dem Verein für Kultur- und Heimatpflege Neidenstein e. V. sowie der Fördergemeinschaft ehemalige Synagoge e. V. für die Organisation der Veranstaltung, zu der neben den Geistlichen der drei christlichen Kirchen auch Vertreter der Politik gekommen waren. Er beleuchtete die entwürdigenden Geschehnisse des 9./10. November 1938 und stellte fest: „Nur wenn wir nicht vergessen, was war, tragen wir dazu bei, dass sich dieses nicht wiederholt.
Prof. Dr. Lars Castellucci MdB zitierte aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann (1926 – 1973): „Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt, sucht sein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass und reicht dir die Schlüssel des Herzens.“ Er mahnte, sich dem Hass entgegenzustellen, sich den Menschen zuzuwenden und für den Erhalt der Menschenwürde aufzustehen.
Dr. Albrecht Schütte MdL beleuchtete die wirtschaftliche und historische Situation, die zur Machtergreifung der Nationalsozialisten durch Hass und Hetze geführt habe und mahnte: „Wer Geschichte ignoriert, muss sie neu erleben“
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Neidenstein, die 1654 mit elf Mitgliedern begann und 1789 mit 179 Mitgliedern ein Drittel der Neidensteiner Bevölkerung jüdischen Glaubens angehörten, berichtete Pfarrer Ralf Krust. 1831 befand sich die größte Synagoge Nordbadens mit Schule und Matzenbäckerei in Neidenstein. In seiner Aufgabe als evangelischer Pfarrer Kirche las er Psalm 147.
Mit einem bewegenden Gebet gedachte Priester David Schäfer von der neuapostolischen Kirche den Opfern von Gewalt, Hass und Verfolgung, bat um Kraft zur Erinnerung, Stärke, dem Unrecht entgegenzutreten und um Herzen voller Mitgefühl, Liebe und Versöhnlichkeit.
An die christlichen Wurzeln im Alten Testament erinnerte Carola von Albedyll, Gemeindereferentin der katholischen Kirche und sprach den Aaronitischen Segen.
Sechs Kerzen – stellvertretend für sechs Millionen Opfer – entzündeten die sechs Vertreter der Kirchen und der Politik. Nach einer Schweigeminute dankte Dr. Peter-Paul Ophey, Erster Vorsitzender der Fördergemeinschaft Ehemalige Synagoge e. V. und rief ein „Nie wieder ist jetzt!“
Nach einem weiteren jiddischen Musikbeitrag schloss Manfred Wolff, erster Vorsitzender des Kulturvereins, mit den Worten des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer „Ihr seid nicht für das verantwortlich, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“
Heidelberg
Auf dem Alten Synagogenplatz fand das Gedenken unter Federführung der Stadt Heidelberg, der jüdischen Kultusgemeinde und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V. statt. „Menschlichkeit und Mitgefühl hatten in dieser Nacht keine Chance“ blickte erster Bürgermeister Jürgen Odszuck auf die Geschehnisse vor 86 Jahren zurück.
Ab 19:45 Uhr hatte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V. (GCJZ) in das Haus der Begegnung in der Merianstraße eingeladen. Mit wehmütigen Pianoklängen umrahmte Natalia Wolf von der jüdischen Kultusgemeinde den Abend musikalisch. Hirte i. R. Helmut Haas berichtete aus dem Leben unter dem Damoklesschwert von Gertrud Jaspers (1879 – 1974), der Gattin von Karl Jaspers (1883 – 1969), Professor für Psychiatrie und Philosophie der Universität Heidelberg. Für den Fall einer spontanen Deportation sei das Zyankali bereitgelegen. Wochenlang lebte sie bereits im Versteck, als ihr Mann auf Umwegen erfuhr, dass die Verhaftung für den 14. April 1945 geplant sei. Doch zum Glück kam es anders: am 30. März 1945 marschierten amerikanische Soldaten in Heidelberg ein, um dem Nazi-Terror ein Ende zu setzen.
Nach einem Gedichtvortrag und der gemeinsamen Lesung von Psalm 44 leitete Prof. Dr. Michael Schmitt zum Abrahampokal über, den die GCJZ alljährlich stiftet. Schülerinnen und Schüler des Bunsengymnasiums präsentierten ihre Arbeiten und Projekte des vergangenen Jahres zu den Themen Antisemitismus, Rassismus, Intoleranz und Dialog zwischen den Religionen und erhielten dafür ihre Anerkennungsurkunde. Die feierliche Übergabe des Abrahampokal 24/25 an die Marie-Baum-Schule nahmen Pfarrer Mirko Diepgen und Michael Schwarzmann vor.
Besinnliche Klaviermusik und der Segen von Rabbiner Janusz Pawelzyk-Kissin begleiteten die zahlreichen Besucher in die dunkle Novembernacht.