Vom Donnerstag, 9. Mai bis Sonntag, 12. Mai 2024 fand der Süddeutsche Kirchentag inmitten der Stadt Karlsruhe statt. Der Einladung „Kommet her“ folgten weit mehr als 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Gebietskirche Süddeutschland, aber auch aus den Gebietskirchen West- und Nordostdeutschland sowie dem Ausland.
Bezirksapostel Michael Ehrich hob in der Vorbereitung des Kirchentages die tiefgreifende Bedeutung des Mottos mit seiner persönlichen Interpretation hervor. „Kommet her“ sei eine bedingungslose Einladung an alle Menschen unabhängig von deren Herkunft, Ethnie oder Religion im Sinne Jesu, der jeden Menschen annehme, wie er sei. „Kommet her“ ermutige, offen für den Nächsten zu sein und sei Symbol der Hoffnung und des Mitgefühls.
Anreise am Donnerstag
Bei strahlendem Sonnenschein machte sich die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Donnerstag, 9. Mai 2024 nach dem Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt in ihrer jeweiligen Heimatgemeinde auf den Weg nach Karlsruhe. Da hatten die ersten Helferinnen und Helfer, die sich zuvor über das Helferportal registriert hatten, schon Dienst getan. In der allerersten Schicht war eine Helferin aus der Gemeinde Heidelberg-Werderstraße, die für die Akkreditierung der Helferinnen und Helfer für die jeweiligen Schichten zuständig war. Vor der Schwarzwaldhalle hatte der Übertragungswagen des Bischoff-Verlages geparkt, in dem ein Techniker aus der Gemeinde Bammental tätig war, während ein anderer in der Schwarzwaldhalle hinter der Kamera stand. Vor der riesigen Wand der Begegnung standen die Stifte bereit und ab 17:00 Uhr öffneten die Catering-Stände auf dem Festplatz zwischen Schwarzwald- und Gartenhalle und dem Novotel.
Um 18:00 Uhr begann der Gottesdienst in der nahegelegenen Kirchen Karlsruhe-Mitte für die Helferinnen und Helfer, die bereits den Tag über im Einsatz waren. Zur Überraschung aller schritt Stammapostel Jean-Luc Schneider zum Altar.
Der laue Sommerabend klang aus mit zwei Konzerten auf der Seebühne im Zoo, der während der gesamten Dauer des Kirchentags für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer offenstand.
Offizielle Eröffnung am Freitag
Mit einem Countdown, den alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Schwarzwaldhalle lautstark mitzählten, um dann ihren SKT-Schal in die Luft zu werfen, startete die Eröffnungsfeier, die auch in die Gartenhalle, das Konzerthaus, die Kirche Karlsruhe-Mitte und auf den Karlsruher Marktplatz live übertragen wurde. „Stopp, wir sind noch gar nicht vollzählig“ wandte Moderatorin Friederike Gottschalk ein und Filmsequenzen zeigten, wie sich Familien, Singles, Jugendliche, Senioren aus unterschiedlichen Lebenssituation auf den Weg zum Kirchentag machen. Auch die älteste Teilnehmerin im Alter von 100 Jahren fuhr in Begleitung ihrer Enkeltochter im Rollstuhl auf die Bühne.
Bezirksapostel Michael Ehrich stellte erneut den Heilandsruf „Kommet her“ in den Mittelpunkt und wünschte eine Bewegung, die den Glauben stärke, die Ökumene näher zueinander bringe, neue Perspektiven eröffne und Motivation und Freude in den Alltag transportiere.
Dr. Albert Käuflein, Bürgermeister der Stadt Karlsruhe, ging in seinem Grußwort auf die erst 300jährige Geschichte der Stadt ein, in der seit je her Glaubensfreiheit und Toleranz zu den Privilegien der Stadt gehörten. Religiöse Vielfalt mit blühenden Gemeinden leisteten einen unverzichtbaren Beitrag zum Leben in der Stadt.
Staatssekretär Volker Schebesta als Vertreter der Landesregierung betonte den Halt, zu dem lebendige Kirchengemeinden innerhalb der Gesellschaft beitragen, auf den man dringend angewiesen sei.
Weihbischof Dr. Peter Birkhofer von der Erzdiözese Freiburg begrüßte die Anwesenden ganz ungezwungen mit „Liebe Schwestern und Brüder“. In Anlehnung an sein eigenes Bibelwort aus Hosea anlässlich seiner Priesterweihe erklärte er „Gott traut sich uns an! Er traut uns einiges zu!“, das Einzige, was Gott fordere, sei Treue. Mit der Passage „Ja, wir kommen!“ aus dem Kirchentagslied wünschte er, dass im ökumenischen Miteinander Jesus Christus erfahrbar und erkennbar werde.
Prälat Dr. Marc Witzenbacher von der evangelischen Landeskirche bezog sich auf Johann Peter Hebel (1760 – 1826), der bereits zu seiner Zeit ein konstruktives Miteinander in der versöhnenden Liebe Christi anmahnte.
Sandra Bubendorfer-Licht, MdB stellte fest, wie wichtig engagierte Christinnen und Christen für den Fortbestand der Demokratie seien. Wer den Glauben ernst nehme, leiste einen Beitrag zur Demokratie.
Auch Prof. Dr. Lars Castellucci, geschäftsführender Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages appellierte, wenn die Religionsfreiheit im Land sterbe, sterbe die Freiheit und bat darum, das menschenmögliche zu einem guten gesellschaftlichen Zusammenleben zu tun.
Mit einem musikalischen Flashmob begann das pulsierende Leben des Kirchentags mit Workshops, Konzerten, Vorträgen und Diskussionen.
Gartenhalle
Zahlreiche Infostände boten in der Gartenhalle interessante Impulse. Neben den Ständen der Gebietskirche wie Akademie oder human aktiv war auch der Bischoff-Verlag mit neuen Produkten präsent. Initiativen aus dem Kirchenbezirk Heidelberg waren die Stände zu Glaubensgesprächen, Schöpfungsbewahrung und „Adoption oder Pflegekind – eine Alternative?“
„Alter Wein in neuen Schläuchen?“
Wie alte christliche Werte an junge Menschen vermittelt werden können, dieser Frage stellte sich das Podiumsgespräch am Freitagnachmittag unter der Leitung von Bischof Peter Johanning. Auf dem Podium saßen Dr. Verena Hammes, ACK Deutschland, die Diakoninnen Adelheid und Sophia Hirsch aus der Gemeinde Buchen, Prof. Dr. Alexander Bitzel von der Universität Heidelberg, Pastor Dr. Jochen Wagner, ACK Deutschland sowie Apostel Matthias Pfützner. „Ecclesia semper reformanda est“ – Die Kirche muss beständig reformiert werden, wobei das Evangelium Jesu Christi unverrückbar im Mittelpunkt stehe, war einheitlicher Konsens. Toleranz, Akzeptanz, Offenheit und Gesprächsbereitschaft zeichnen eine zeitgemäße Kirche aus. Die Einladung „Kommet her“ verwandelte Apostel Pfützner in den Auftrag „Gehet hin“, der nach dem Kirchentag beginne.
Überall auf dem Gelände fanden unzählige Begegnungen und Wiedersehen statt mit Menschen, die man seit Jahren nicht gesehen hatte, mit denen man seine Jugendzeit verbracht oder in Projekten mitgearbeitet hatte oder mal auf Reisen war.
Unterwegs am Samstag
Über den kirchengeschichtlichen Kontext der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert referierte Prof. Dr. Alexander Bitzel am Samstagvormittag. In die Zeit, in der sich Christenmenschen darauf besannen, etwas für andere tun zu müssen, fallen die Gründungen vieler Hilfsorganisationen wie Diakonie, Bethel oder Wichern. Bewegungen mit emotionalerer Wortverkündigung seien einhergegangen mit dem Wunsch nach Herstellung urchristlicher Ordnung zur Vorbereitung der Wiederkunft Christi. Auf dieser Grundlage habe sich die Katholisch-Apostolische Kirche entwickelt, aus der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die neuapostolische Kirche hervorging und sich weltweit verbreitete, mit dem Ziel, aus dem Glauben heraus zu leben.
Pater Anselm Grün
„Der Glaube, der hilft, den Alltag zu verwandeln“ war Thema von Pater Anselm Grün. Er ersetzte die Vokabel „verändern“ mit „verwandeln“ und nannte den Glauben als Antwort auf die menschlichen Grundsehnsüchte nach Identität, Freiheit, Vertrauen, Gesundheit, Sinn des Lebens. Im Gebet Gott alles hinhalten und füreinander beten, entfalte eine heilsame Wirkung und „Solange wir beten, haben wir Hoffnung!“ Den Glauben, der Menschen verwandelt, beschrieb Grün anhand der biblischen Begebenheit des Zöllners Zachäus. Jesus habe zu ihm aufgeschaut und mit ihm geredet, d. h. durch Blick und Wort habe eine Verwandlung stattgefunden.
Poetry Slam
In zwei Workshops hatte Pascal Schwandt aus der Gemeinde Heidelberg-Werderstraße Einblick in das Schreiben von Poetry Slams gegeben. Im Konzerthaus fand am Samstag die Präsentation tiefgehender Werke einiger Teilnehmer statt mit Titeln wie „Mein Glaube und ich“, „Anker“ oder „Kommet her“.
Hochkarätige Konzerte auf dem Marktplatz, der Seebühne, in der Kirche Karlsruhe-Mitte und dem Konzerthaus in den verschiedensten Stilrichtungen machten die Auswahl schwer und weckten die Lust auf mehr.
Gottesdienst am Sonntag
Der Ort des Gottesdienstbesuchs auf dem Kirchentagsgelände wurde durch die Farbe des Bändchens bestimmt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit orangefarbenem Bändchen strömten in die mit bunten Blumen geschmückte Schwarzwaldhalle, fanden auf ihren Plätzen ein Liederheft und waren automatisch Bestandteil des „Spontanchores“. Gegen 10:00 Uhr motivierte die Dirigentin mit kollektivem Einsingen und probte die Lieder für den Gottesdienst, darunter das eigens für den Kirchentag komponierte „Kommet her“ (Jeremy Dawson *1974).
Um 11:00 Uhr begann der Gottesdienst mit Bezirksapostel Michael Ehrich, der in das Konzerthaus, die Gartenhalle, die Kirche Karlsruhe-Mitte sowie in zahlreiche Kirchen Süddeutschlands übertragen wurde.
„Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“
Psalm 66,5 war Predigtgrundlage. Bezirksapostel Ehrich beleuchtete die Werke Gottes in der irdischen Schöpfung mit Universum, der Dank und Verantwortung gebühre sowie der geistlichen Schöpfung, die nur im Glauben erfasst werden könne und in deren Mittelpunkt Jesus Christus stehe.
Eine Kirche, die sich zu Jesus Christus aufmache, mache sich auch auf zum Nächsten, stellte Apostel Jürgen Loy in seinem Predigtbeitrag fest.
„Kommet her“ werde nun zum „Gehet hin“, forderte Apostel Arne Herrmann auf und bat darum, den Rückenwind der Begeisterung mit in den Alltag zu nehmen.
„Kommet her“ solle weiterleben in Familien und Gemeinden, wünschte Apostel Martin Rheinberger und betonte, dass die Fähigkeit an Christus zu glauben und ihm zu vertrauen ebenfalls Gottes Werk sei.
„Lobe den Herren“ mit allen Anwesenden in der Schwarzwaldhalle, Solisten, Kinderchor und Orchester setzte einen furiosen Schlusspunkt an den Gottesdienst.
„Vergessen wir nie das Gemeinsame, das uns verbinden wird“ rundete Erzpriester Radu Constantin Miron, Vorsitzender der ACK Deutschland seine Grußworte ab.
Bezirksapostel Michael Ehrich formulierte in seinen Dankesworten als erstes den Dank an Gott und bekannte, dass er bei sorgenvollen Fragen nach dem Wetter bei den Vorbereitungen mit „Es ist gutes Wetter!“ die Diskussion im Keim erstickt habe, wohlwissend dass das nicht in seiner Macht stehe. Umso dankbarer waren alle, dass vier Tage lang über Karlsruhe die Sonne vom wolkenlosen Himmel schien. Er dankte aber auch allen, die irgendeiner Form zum Gelingen des Glaubensfestes beigetragen hatten.
Plötzlich betrat Jeremy Dawson selbst die Bühne, setzte sich ans Klavier und begleitete persönlich sein „Kommet her“, das alle Anwesenden – auch die Amtsträger auf der Bühne – gemeinsam aus vollem Herzen schmetterten und danach freudig ihre Kirchentagschals in die Luft warfen.